6. Nebenübung - Gleichgewicht

Die sechste Nebenübung ist die Zusammenschau der ersten fünf – die Krönung des Übungsweges.

Die 6. Nebenübung – Gleichgewicht

Die sechste Nebenübung ist die Zusammenschau der ersten fünf. Ihr Ziel ist es, die erarbeiteten Fähigkeiten so zu einem harmonischen Ganzen zu weben, dass sich ein inneres Gleichgewicht einstellt – eine Fähigkeit, die das Herz dem Menschen jeden Tag zeigen kann.

Rückblick: Die fünf Übungen

1
Gedankenkontrolle (Denkkraft) – Sie hat das Nervensystem und das Gehirn zur Grundlage. Im Alltag herrscht im Gedankenleben oftmals ein wirres Durcheinander: Gedanken strömen herein, andere stossen sie wieder hinaus. Nur im logischen Denken gebrauchen wir das reine Denken wirklich. Nerven sind aus den Lebensprozessen herausgefallene Substanzen. Wenn wir logisch denken, fällt Materie heraus und gibt Lebenskraft frei. Indem wir die Konzentration steigern, können wir diese Kraft direkt beobachten – wir erwachen in der Welt der Kräfte.
2
Willensübung – Eine selbstbestimmte, sinnfreie Handlung zu einer festgelegten Zeit (z. B. um 7:22 den rechten Daumen auf den linken drücken). Diese Übung bringt die Ich-Präsenz in das Blut- und Stoffwechselleben, einen Bereich, den wir sonst «verschlafen». Der Wille steuert die Motorik, nicht die Nerven – die Nerven nehmen lediglich wahr. Mit dieser Übung schicken wir Lichtblitze aus dem Ich-Bewusstsein in das Blutsleben und lernen, auch allmählich im Schlaf etwas vom Bewusstsein zu bewahren.
3
Gleichmut (Fühlen) – Wie schnell sind wir verletzt, wie schnell in Euphorie? Das Fühlen schwankt ständig. Die Übung zielt auf eine Stabilität des Fühlens: ein Wohlwollen, das unterscheidungsfähig ist und doch verwandelnd wirken kann – in uns selbst und im Umkreis.
4
Positivität – Mit den Kräften der ersten drei Übungen (Gleichmut, Geistesgegenwart, lebendiges Denken) wagen wir einen Blick in die Welt. Am Beispiel des Regens: Statt «schlechtes Wetter» zu sagen, fragen wir: Was kann ich dem Regen abgewinnen? Wir verfolgen den Kreislauf – Regen fällt → Erde → Bäche → Meer → Verdunstung → Wolken → wieder Regen – und beginnen Goethe zu verstehen: «Des Menschen Seele gleicht dem Wasser.» Wir leben nicht mehr in Urteilen, sondern in den Dingen selbst.
5
Unvoreingenommenheit – Die Übung vom schiefen Turm von Pisa. Wenn jemand sagt: «Seit gestern um 14 Uhr steht er wieder gerade», halten wir das nicht für eine verrückte Nachricht. Sondern wir prüfen alle Möglichkeiten: Ist es Technik? Ein Erdbeben? Erst wenn nichts mehr für die Berechtigung spricht, ziehen wir in Betracht, dass an der Nachricht etwas nicht stimmt. Alles prüfen, alles für möglich halten – und damit das grösstmögliche Interesse für das entwickeln, was in der Welt geschieht.

Die sechste Übung: Die Krönung

Die sechste Übung lässt die fünf Übungen in einer sechsten kulminieren. Es geht darum, die Fähigkeiten nicht nur nacheinander zu üben, sondern in ein lebendiges Zusammenspiel zu bringen.

Fünf Tätigkeiten im Leben machen uns zum Teil der Welt, so dass wir darin bewusst stehen und handeln lernen.

«Im sechsten Monat soll man dann versuchen, systematisch in einer regelmäßigen Abwechslung alle fünf Übungen immer wieder und wieder vorzunehmen. Es bildet sich dadurch allmählich ein schönes Gleichgewicht der Seele heraus. Man wird namentlich bemerken, dass etwa vorhandene Unzufriedenheiten mit Erscheinung und Wesen der Welt vollständig verschwinden. Eine allen Erlebnissen versöhnliche Stimmung bemächtigt sich der Seele, die keineswegs Gleichgültigkeit ist, sondern im Gegenteil erst befähigt, tatsächlich bessernd und fortschrittlich in der Welt zu arbeiten.»

GA 267, S. 60f

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